Positionspapier

LAG Mädchenpolitik –
Diskussions- und Handlungsaufruf »
(PDF im DIN A5 Format)

 

 

WER SIND WIR?
Wir sind pädagogische Fachkräfte aus der feministischen Mädchen*arbeit und der Jungen*arbeit in Hessen, für die eine gesellschaftskritische und politische Haltung in der Arbeit als unverzichtbar gilt.

Wir haben uns erstmals zusammengeschlossen, um auf die sexistische, rassistische, antisemitische, antimuslimische und antifeministische Mobilisierung und Hetze durch rechte Parteien und Initiativen zu reagieren. Wir positionieren uns dabei auch gegen Diskurse, die zum Ziel haben, Mädchen*arbeit und Jungen*arbeit gegeneinander auszuspielen!

Wir setzen uns gemeinsam und solidarisch für eine geschlechterreflektierte und rassismuskritische Ausrichtung pädagogischer Angebote für junge Menschen ein. Hier sehen wir Bildungsarbeit in der Verantwortung.

Als heterogene Gruppe ist uns bewusst, dass wir unterschiedlich privilegiert sind und/oder diskriminiert werden. Trotzdem oder gerade deswegen starten wir den Versuch gemeinsame Positionen zu entwickeln für eine Gesellschaft, die ALLEN Kindern und Jugendlichen ermöglicht, ohne Gewalt und Diskriminierung aufzuwachsen.

Wir verstehen unsere Arbeit explizit als politischen Raum, in dem Menschen ihre Bedürfnisse entwickeln und wahrnehmen können. Dazu gehört es, Selbstwirksamkeitserfahrungen machen zu können und zu lernen, eigene Interessen zu vertreten. Ziel ist es, Rahmenbedingungen zu schaffen, um Formen politischer Beteiligung sichtbar und möglich zu machen.

Dabei ist uns eine intersektionale Perspektive¹ wichtig, welche Reflexion, Benennung und Abbau jeglicher Ausbeutungs- und Ungleichheitsverhältnisse zum Gegenstand der Arbeit macht. Das Konzept der Intersektionalität beschreibt die Verschränkung von verschiedenen Diskriminierungsformen, von denen Kinder und Jugendliche unweigerlich betroffen sind. Mehrfachdiskriminierungen verstehen sich nicht einfach nur als Addition, sondern als eigenständige spezifische Erfahrungen.

¹ Das Konzept Intersektionalität beruft sich auf die Analyse von Kimberlé Crenshaw (Crenshaw 1989).

 

 

WARUM SCHREIBEN WIR DIESES PAPIER?
Infolge des globalen und lokalen gesellschaftspolitischen Rechtsrucks werden zahlreiche emanzipatorische Errungenschaften und Freiheiten in Frage gestellt und abgebaut. Beispielsweise werden Ansätze queerer und emanzipatorischer sexueller Bildung vehement angegriffen. Dagegen positionieren wir uns!

Wir sind uns bewusst, dass wir in einem Land mit nationalsozialistischer und kolonialer Geschichte leben und in antisemitischen und rassistischen Strukturen sozialisiert sind, die bis heute unsere Gesellschaft prägen.
Diese historisch gewachsenen Strukturen bestehen u. a. durch Antisemitismus, Diskriminierung von People of Color, Gadjé-Rassismus gegen Sinte*zza und Rom*nja, Diskriminierung von Menschen mit Behinderung, antimuslimischen Rassismus, Diskriminierung von LGBTTIQA*² in unserer heutigen Gesellschaft fort. Wobei diese Aufzählung nicht vollständig ist und weitere Diskriminierungsformen existieren.

Es liegt in unserer Verantwortung die eigene Position in gesellschaftlichen Machtverhältnissen fortwährend zu reflektieren. Eine parteiliche Kinder- und Jugendarbeit muss Verwertungslogiken und Konkurrenzverhältnissen entgegenwirken, die Kinder und Jugendliche z. B. in der Schule massiv unter Druck setzen.

Dies betrifft genauso die Verschlechterung von Arbeitsbedingungen in der Sozialen Arbeit (z. B. Kürzungen, befristete Verträge, Vorschriften bei der inhaltlichen Ausrichtung). Deshalb ist eine kritische Auseinandersetzung mit kapitalistischen, neoliberalen und anderen gesellschaftlichen Selektionsmechanismen wichtig.

Wir machen immer wieder die Erfahrung, dass Jugendliche mit ihren Diskriminierungserfahrungen nicht gehört und ernst genommen werden. Stattdessen werden die strukturellen Ursachen ausgeblendet und die Diskriminierungserfahrungen zu einem individuellen Problem gemacht. Bildungsarbeit hat die Chance und die Pflicht sowohl für Fachkräfte als auch für Jugendliche Räume zu schaffen, in denen reale Diskriminierungserfahrungen sprechbar werden und Empowerment (Selbstermächtigung) stattfindet. Das setzt die Wertschätzung und Anerkennung der Bedürfnisse von Jugendlichen sowie Selbstreflexion von Fachkräften voraus. Dabei beziehen wir uns explizit auf die gesetzliche Grundlage unserer Arbeit im KJHG³.

² »Die Abkürzung LSBTTIQA* steht für lesbische, schwule, bisexuelle, Trans, transsexuelle, intersexuelle, queere und asexuelle Lebensweisen. Der Stern (*) am Ende soll berücksichtigen, dass sich manche Menschen in ihrer Geschlechtsidentität nicht ausschließlich auf einen der Begriffe festlegen lassen möchten.«

³ KJHG § 9 (3): »Bei der Ausgestaltung der Leistungen und der Erfüllung der Aufgaben sind die unterschiedlichen Lebenslagen von Mädchen und Jungen zu berücksichtigen, Benachteiligungen abzubauen und die Gleichberechtigung von Mädchen und Jungen zu fördern.

 

 

WAS SIND UNSERE ZIELE?
Für uns sind eine emanzipatorische Sexualpädagogik und eine diskriminierungssensible Jugendarbeit nicht verhandelbar! Dazu gehört die Anerkennung queerer Lebensrealitäten, ein rassismuskritischer Ansatz in der pädagogischen Arbeit und körperliche, reproduktive und sexuelle Selbstbestimmung für alle!

Die Diversität von Jugendlichen muss wahrgenommen, anerkannt, gefördert und geschützt werden. Bewertungen und Abwertungen, denen sie ausgesetzt sind, sollen hinterfragt und abgebaut werden. Z. B. muss jegliche körperbezogene Diskriminierung thematisiert und somit sprechbar werden.

Eine Reflexion der gesellschaftlichen Bedingungen und individuellen Erfahrungen ist unabdingbar. Stereotype abzubauen und politische Teilhabe zu fördern ist Aufgabe von Mädchen*- und Jungen*arbeit. Fachkräfte in der pädagogischen Arbeit sollen ermutigt werden, sich zu positionieren. Junge Menschen sollen darin unterstützt werden, ihr eigenes Leben selbstbestimmt zu gestalten.

Für eine gerechtere Gesellschaft
für alle Kinder und Jugendliche!

Wir fordern:

  • Die Unterstützung einer solchen Haltung und Arbeit durch politische Akteur*innen und Entscheidungsträger*innen
  • Die Unterstützung unserer Diskurse zur Weiterentwicklung von Fachlichkeit und Arbeitshaltung durch Leitungsinstanzen
  • Ausbau von Stellen für geschlechterreflektierte Arbeit, politische Bildung und Vernetzung in schulischen und außerschulischen Kontexten
  • Ausreichende Beratungsangebote für betroffene Kinder und Jugendliche von sexualisierter Gewalt
  • Einen besonderen Augenmerk auf die Notwendigkeit der Absicherung von Jugendarbeit im ländlichen Raum und in finanzschwachen Kommunen
  • Die grundsätzliche und langfristige Finanzierung und Förderung von Räumen & Zeit zur kritischen Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Verhältnissen
  • Die Anerkennung von Arbeitskreisen als einen zentralen Bestandteil von fachlicher Arbeit.
  • Die Sensibilisierung für Diskriminierungsverhältnisse in Aus-, Fort- und Weiterbildung – Geschlechterreflektierte Pädagogik ist in die Lehrpläne für die Ausbildung von Fachkräften aller pädagogischen Bereiche aufzunehmen.

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