Leitbild

Feministische Mädchen*arbeit ist mehr als die pädagogische Arbeit mit und für Mädchen*. Sie muss immer in einem mädchen*politischen und gesellschaftspolitischen Zusammenhang gesehen werden und sich an den vielfältigen Lebenslagen und Lebenszusammenhängen von Mädchen* orientieren.
Das Ziel ist dabei Geschlechtergerechtigkeit sowie die Förderung von Gleichwertigkeit und Gleichberechtigung.

Die Landesarbeitsgemeinschaft Mädchen*politik Hessen e. V. versteht sich als das Netzwerk und die Landesvertretung der mädchen*politischen Arbeit in Hessen, in die die Erfahrungen, der in ihr organisierten Mädchen*arbeitskreise und Fachfrauen* und damit zahlreicher mit Mädchen* arbeitender Einrichtungen einfließen.

Im Folgenden führt die Landesarbeitsgemeinschaft die Grundlagen für ihre aktive Mädchen*politik und Praxis auf. Diese lassen sich differenzieren in gesellschaftspolitische, rechtliche, mädchens*pezifische, historische und politische Aufträge und sind in einer wechselwirkenden Relevanz zueinander zu verstehen. Sie bilden die politische sowie praktische Basis der Arbeit der LAG Mädchen*politik Hessen.

 

Gesellschaftspolitische Grundlagen

Nach wie vor ist unsere Gesellschaft durch eine Ungleichverteilung von materiellen Gütern, Chancen zur Selbstverwirklichung und gesellschaftlichen Zugängen und Ressourcen geprägt. Eine feministische Gesellschaftsanalyse zeigt dabei auf, dass diese Ungleichverteilung gesellschaftlicher Zugänge für Frauen* und Mädchen* aus einer weiterhin bestehenden patriarchalen Geschlechtshierarchie resultiert.

Als Konsequenz dieser strukturellen Diskriminierung lassen sich beispielhaft die Themen körperliche, sexuelle oder psychische Gewalt gegen Mädchen*, die Situation von Frauen* und Mädchen* auf dem  

Arbeitsmarkt sowie damit verbundenen Lohnungleichheit anführen. Wenn auch nicht weiter ausführbar, so verdeutlichen diesen Themen jedoch die Notwendigkeit einer klaren, parteilichen und politischen Mädchen*politik.

Feministische Mädchen*arbeit und damit die LAG Mädchen*politik Hessen e. V. nimmt ein solches Gesellschaftssystem, bei dem die Kategorie Geschlecht als ein wesentlicher Aspekt von Ungleichheit besteht, in den Fokus. Damit tragen wir dazu bei, dass sich gesellschaftliche Strukturen in Richtung Gerechtigkeit, Vielfalt, Toleranz und Gewaltfreiheit für Jungen und Mädchen* verändern.

 
 

Rechtliche Grundlagen

Auf der rechtlichen Ebene bildet das Grundgesetz – Artikel 3 sowie das Achte Sozialgesetzbuch (Kinder- und Jugendhilfegesetz) die Grundlage für mädchen*politisches Engagement, indem die Jugendhilfe verpflichtet wird, sich in gesellschaftliche Prozesse einzumischen, um positive Lebens- und Entwicklungsbedingungen für Mädchen* und Jungen zu schaffen. Der, im SGB VIII formulierte Grundsatz:

»Die unterschiedlichen Lebenslagen von Mädchen* und Jungen zu berücksichtigen, Benachteiligungen abzubauen und die Gleichberechtigung von Mädchen* und Jungen zu fördern«, dient der Mädchen*arbeit damit als rechtliche Grundlage der politischen Arbeit und Notwendigkeit.

Ebenso unterstützt die aktive Gleichstellungspolitik des Amsterdamer Vertrages, der alle Mitgliedstaaten der EU rechtsverbindlich verpflichtet, die Gender Mainstreaming Strategien anzuwenden, die politische Notwendigkeit, Aktualität und Relevanz.

Die Beachtung geschlechtsspezifischer Unterschiede, deren Analyse und die Entwicklung entsprechender Standards und Maßnahmen stellt somit eine verpflichtende Grundlage von Jugendhilfe dar.


Mädchenspezifische Grundlagen

Feministische Mädchen*arbeit, im Verständnis der LAG Mädchen*politik Hessen e. V., will gesellschaftspolitische Konflikte und Widersprüche der aktuellen Lebenslagen von Mädchen* entdecken und aufdecken. Dabei wird die Unterschiedlichkeit und kulturelle Vielfalt von Mädchen* anerkannt und zur Grundlage ressourcenorientierter, ganzheitlicher Mädchen*arbeit gemacht. Neue Möglichkeiten und erweiterte Optionsrahmen, wie sie sich den Mädchen* heute zeigen, werden wahrgenommen, als Verdienst feministischer Mädchen*arbeit gewürdigt und neue sowie alte Einschränkungen weiblicher Lebensführung darin kritisch reflektiert.

Eine solche Ausrichtung schafft partizipative Strukturen, unterstützt vielfältige und selbstbestimmte Bewältigungs- und Lebensformen, unabhängig von starren Geschlechterrollen, und verbindet diese mit politischer Reflexion sowie Strategie.

Die Arbeit der LAG Mädchen*politik Hessen e. V. ist durch das Ansetzen an den besonderen Bedürfnissen und Ressourcen von Mädchen, an weiblichen Stärken und Kompetenzen sowie durch Parteilichkeit und Ganzheitlichkeit gekennzeichnet. Nur so wird es möglich, dafür zu sorgen, dass Mädchen* und junge Frauen* in der Gesellschaft und in allen Bereichen der Jugendhilfe wahrgenommen werden sowie bestimmen und gestalten können.

Konkret bedeutet dies, dass die Arbeit mit Mädchen* in einem gesellschaftspolitischen Zusammenhang auf vielen, verschiedenen Ebenen stattfinden muss. So fördert und begleitet die LAG Mädchen*politik Hessen e. V. geschlechtsspezifische Ansätze bei freien und öffentlichen Trägern der Jugendhilfe sowohl in koedukativen als auch in geschlechtshomogenen Einrichtungen ebenso wie in Feldern der schulischen und frühkindlichen Bildung.

 

Historische Grundlagen

Die LAG Mädchen*politik Hessen e. V. zeichnet sich seit 1994 durch kontinuierliche, politische und fachliche Arbeit aus. Dabei zählt dieses hessische Netzwerk zu den ältesten und größten in Deutschland. Die LAG Mädchen*politik Hessen e. V. vertritt knapp 500 Einrichtungen, Träger und Fachfrauen* in Hessen und organisiert sich in der regionalen und bundesweiten Kooperation. Sie hat durch ihre fachliche und politische Präsenz, auch in Form der regelmäßig erscheinenden Fachbroschüren, dazu beigetragen, dass sich soziale sowie pädagogische Bereiche differenzierter mit den Lebenslagen von Mädchen* auseinander gesetzt haben. Ebenso haben die aktiven Mitfrauen* die Professionalisierung und Institutionalisierung geschlechtsspezifischer Perspektiven maßgeblich beeinflusst.

Angestoßen und mit getragen durch die späteren Mitbegründerinnen der LAG Mädchen*politik Hessen e. V. wurde beispielsweise 1984 die erste ausdifferenzierte  

Mädchen*studie verfasst, die einen Überblick über die bestehenden Strukturen gab und in der Mädchen* selber zu Wort kamen. Damit gab Hessen Anstoß für zahlreiche Folgestudien sowie Folgeprojekte in Deutschland.

Trotzdem kann die LAG Mädchen*politik Hessen e. V. nicht auf eine finanzielle oder strukturelle Absicherung zurück greifen. Das hat zur Folge, dass Hessen z. B. über keine übergreifende und basisnahe geschlechtsspezifische Forschung und Evaluation verfügt und dass eine Vielzahl von bundes- und europaweit ausgeschriebenen Projekten mangels gesicherter Strukturen in andere Bundesländer fließen. Auf Grund dieser strukturellen Bedarfe verfolgen wir weiterhin das Ziel, einer finanziellen sowie politischen Absicherung unseres landesweiten Netzwerkes, um langfristig und nachhaltig die sozialpolitische Versorgungslandschaft in Hessen im Interesse von Mädchen* zu prägen.

 

Politischer Auftrag

Die LAG Mädchen*politik Hessen e. V. sorgt auf diesen Grundlagen aufbauend dafür, dass die unterschiedlichen Fähigkeiten, Möglichkeiten und Erfahrungen von Fachfrauen* der Mädchen*arbeit auf breiter Basis vernetzt, ausgetauscht, genutzt und in andere Gesellschaftsbereiche transportiert werden.

Damit trägt die LAG zu einer Absicherung der fachlichen Standards der Mädchen*arbeit bei und sichert deren Qualität und Weiterentwicklung. Mittels all dieser übergeordneten

Perspektive versteht sich die LAG Mädchen*politik Hessen e. V. als politische Vertretung und Interessensgemeinschaft, die demokratische Prozesse sowie partizipative Strukturen fördert, schafft und realisiert.

Aus diesem Gewinn für die soziale Landschaft in Hessen ergeben sich für die LAG Mädchen*politik Hessen e. V. folgende Aufgaben, die langfristig ausgebaut, finanziell abgesichert und damit auf ein Fundament gestellt werden müssen:

 

Aufgabenbereiche

Analyse und Dokumentation

  • Analyse und Erfassung hessenweiter mädchen*spezifischer Strukturen und Projekte
  • Bereitstellen von Strukturen für einen landesweiten sowie einen regionalbezogenen Erfahrungsaustausch hessischer Mädchen*arbeit
  • Differenzierte und aktuelle Wahrnehmung der Lebenslage und Bedürfnisse von Mädchen*
  • Initiierung von regional bezogenen Forschungsvorhaben der EU oder des Bundes sowie Beratung und Unterstützung der Träger vor Ort
  • Dokumentation hessenweiter mädchen*spezifischer Strukturen und Projekte in Form von Fachbroschüren wie

das »Mädchen*politisches Forum« als Fachbroschüre, die aktuelle Debatten und inhaltliche Schwerpunkte der Mädchen*arbeit veröffentlicht

die »M*AK« Broschüre, als Abbildung der Mädchen*arbeitskreise in Hessen inklusive praxisnaher Informationen, Themen und Adressen

 

Politische Lobbyarbeit

  • Vertretung der Landesarbeitsgemeinschaft Mädchen*politik Hessen e. V. in landesweiten jugendpolitischen Gremien, die es ermöglichen, kontinuierlich die sich verändernden geschlechtsspezifischen Erfordernisse aufzuzeigen
  • Beratung der hessischen Ministerien sowie anderen politischen Gremien in geschlechtsrelevanten Fragen
  • Differenzierte und aktuelle Wahrnehmung der Lebenslage und Bedürfnisse von Mädchen*
  • Veröffentlichung von Stellungnahmen zu aktuellen mädchen*spezifischen Themen und Fragestellungen
  • Vertretung mädchen*spezifischer Interessen in Form von Öffentlichkeitsarbeit in Praxis oder Printmedien

 

 

Entwicklung von Maßnahmen

  • Themenfelder bündeln, politisch platzieren und im Rahmen von Fachtagen fokussieren und auswerten
  • Wissenschaftliche, reflexive und aktuelle Bearbeitung von relevanten mädchen*spezifischen Themen
  • Sichtbarmachen der hessenweiter Ressourcen von Mädchen*arbeit
  • Weiterentwicklung mädchen*politischer Forderungen und Konzepte
  • Akquise von innovativen Pilotprojekten mit mädchen*spezifischer Ausrichtung für Hessen
  • Aufbau eines Grundqualifizierungsangebots zur geschlechtersensiblen Arbeit in koedukativen sowie geschlechtshomogenen Einrichtungen

 

Update 15.03.2018

Wir möchten mit Mädchen* auch Institutionen und Personen ansprechen, die sich mit ihren Angeboten explizit auch an Mädchen* wenden. Also an Personen, die sich durch den Mädchen-begriff nicht ausreichend repräsentiert sehen, z. B. trans- und inter-Personen, die sich selbst als Mädchen* definieren.
Dabei ist es uns ein Anliegen, dass die Ergänzung des Sternchens eine Erweiterung und keineswegs einen Ausschluss darstellt. Wir verstehen uns weiterhin als Vertretung von Einrichtungen, die mit Mädchen arbeiten, als auch denjenigen, die sich diesbezüglich im Prozess befinden.

 

 

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